Neues aus Pjöngjang

Dieses Wochenende war ich in Seoul auf unserer Lektorenversammlung und da war zum ersten Mal auch ein Lektor aus Pjöngjang dabei. Weil es bis zuletzt nicht sicher war, ob sie den in den Süden reisen lassen, hatten die Organisatoren seinen Vortrag als letzten vor dem Abendessen angesetzt, und da alle vorher fleißig überzogen hatten, und alle schon ziemlich hungrig waren, war der interessanteste 'Vortrag auch zugleich der kürzeste. Aber beim Abendessen gab es dann doch noch Gelegenheit, ihn ein bisschen zu löchern. Er hat ein paar Fotos rumgezeigt (Unterricht im Winter im ungeheizten Klassenraum, Pjöngjang bei Nacht, ohne Strom) und uns dann mal einen Text zu lesen gegeben, den eine seiner Studentinnen über das Wirtschaftssystem Deutschlands geschrieben hat. Der war nicht nur sprachlich fast auf Muttersprachlerniveau, der war auch völlig frei von jedem ideologischen Blech und Lobeshymnen auf das Regime: Einerseits die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnlänger zur Gewinnmaximierung, andererseits Kultursponsoring durch Unternehmen und Beiträge zur Sozialversicherung. Einerseits die guten Absichten der Planwirtschaft, andererseits Umschwenken Chinas zur Marktwirtschaft. Scheint doch offener geredet und gedacht zu werden im Norden, als man annimmt und was den Unterricht angeht, gibt es für den Lektor keine Vorgaben außer "Keine Pornographie" und "Keine antikommunistische Propaganda" (und letzteres wird weit gefasst - "Good bye Lenin" konnte er seinen Studis jedenfalls zeigen) - andererseits: Unter zehn Studenten gibt es mindestens zwei, die berichten (und die kennen einander nicht), du brauchst ein Visum, wenn du die Stadt (!) verlassen willst, und Kontakte zur Bevölkerung sind verboten; der kann nicht mal mit seinen Kollegen abends ein Bier trinken gehen, wenn die nicht ins Arbeitslager wandern sollen. Eine eigene Welt...

2.6.07 04:51

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